Gibt es ein Ziel des Lebens?


Telos - ZielZiel auf griechisch heißt telos. Ein Begriff mit einer langen Geschichte in der Philosophie. Die Teleologie beschäftigt sich mit der Frage, ob Entwicklungen auf bestimmte Ziele hinauslaufen. Die Ethik möchte für das menschliche Leben Ziele setzen. Eine umstrittene Frage ist, ob außerhalb der menschlichen Sphäre auch in der Natur etwas auf einen Zweck zustrebt. Erfolgt Evolution z. B. zweckgerichtet oder ist sie von „zufälligen“ Mutationen abhängig?

Weiches TierIch erinnere mich an meine Schulzeit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Unser gut ausgebildeter Lehrer für Physik und Biologie vertrat die vorherrschenden Ideen eines naturwissenschaftlichen Weltbildes. Mein bereits damals entwickelter Sinn für die tiefere Dimension des Lebens fühlte sich bei manchen seiner Aussagen sehr unwohl. Ich fragte mich, wie man nur so naiv sein kann, den Menschen als „nackten Affen“ anzusehen. Die Verwandschaft mit Affen ist offensichtlich, aber gibt es nicht noch eine andere Form der Wahrnehmung, in der sowohl Affe als auch Mensch einen erweiterten Sinn ihres Daseins erhalten? Eine Bedeutung, die aus dem engen Korsett wissenschaftlicher Kategorisierung hinausweist?

You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.

Die Dichterin Mary Oliver hat in ihrem Gedicht „Wild Geese“ in diesen beiden Zeilen den größeren Horizont eröffnet, in den Affe und Mensch hineingehören: „Du musst nur das weiche Tier deines Körpers lieben lassen, was es liebt“. Die lyrische Weltwahrnehmung macht einen intimeren Sinn spürbar. In der sich sanft anschmiegenden ersten Natur, mit der Richard Rohr gestern zitiert wurde, kommen Tier und Mensch und alle Dinge in einer Weise zusammen, die nicht vom menschlichen Schubladendenken verfälscht ist. Unsere unter dem Firnis kultureller Gepflogenheiten hart gewordene zweite Natur neigt im Gegensatz dazu, alles nur aus menschlich-engstirnigem Blickwinkel zu betrachten. Auch die Naturwissenschaften sind aus einer Geisteshaltung heraus entstanden, die den inneren Zusammenhang des Menschen mit der Natur in einen Gegensatz auflöst und damit das von sich selbst abisolierte Objekt zur Ausbeutung für selbstbezogene (= unreife) menschliche Ziele freigibt. Dabei wird der umfassendere Zweck der ersten Natur dem der zweiten untergeordnet.

Um die rechte Ordnung wieder herzustellen, müssen wir uns von den rein meinschlichen Zwecken lösen. Das kann auch eine Abkehr von einer vorherrschenden Unterscheidung zwischen gut und böse bedeuten. Es geht nicht um Zwang zum Guten. Du musst nicht gut sein und reuig auf Knien durch die Wüste rutschen, sagt Mary Oliver zu Anfang ihres Gedichtes. Aber du musst der ersten Natur die Gelegenheit geben, sich zu zeigen. Gleichnishaft geht es um die Freilegung eines Brunnens, dessen Wasser mit Erde zugeschüttet war oder um das Vorbeiziehenlassen der Wolken vor der stetig strahlenden Sonne. Mit diesen und anderen Bildern beschreibt Meister Eckehart das Verhältnis von erster und zweiter Natur in seiner Predigt vom edlen Menschen. Ein reifer Mensch kommt dem Ziel seines Lebens näher, wenn er sich seiner edlen Abkunft (im christlichen Zusammenhang als Abbild Gottes) bewusst wird und mit dem weichen Tier in ihm der Bestimmung seiner ursprünglichen (ersten) Natur folgt.

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