Erlernte Verhaltensmuster stehen Reifsein im Wege


Parasiten als VerhaltensmusterWenn es uns mit dem Reifwerden Ernst ist, müssen wir uns das anschauen, was sich ihm in den Weg stellt. Irgendetwas muss den natürlichen Prozess der Reifung unterbrochen haben, wenn älter werdende Menschen nicht von selbst an das Ziel seines vorgesehenen Verlaufes gelangen. Dieses „Ziel“ kann man sich im Bild des Baumes als die bereits im Samen angelegte Form eines frei hochwachsenden Baumstammes und seiner fruchttragenden Krone vorstellen. Ist er krumm und schief, haben innere oder äußere Ursachen zu diesen Verwachsungen geführt.

Übereinstimmend sprechen spirituelle Traditionen in Ost und West von erlernten Verhaltensmustern, mit denen wir uns in der persönlichen Entwicklung selbst im Wege stehen können. Eine mehr auf die psychischen Voraussetzungen schauende Beschreibung für Verhaltensmuster ist die innere Haltung oder Einstellung. In der englischsprachigen Literatur zum Thema wird oft der Begriff mind benutzt. Dessen übliche Übersetzungen mit „Geist“ oder „Gedächtnis“ sind Festlegungen, mit denen immer etwas vom Bedeutungsumfang verloren geht. Es hängt jedenfalls zentral mit der menschlichen Fähigkeit des Denkens zusammen, die wir Tieren gerne absprechen.

Die Möglichkeit zur geistigen Tätigkeit, zur Reflexion, zur Wahrnehmung, dass wir wahrnehmen, ist scheinbar ein zweischneidiges Schwert. Es hat für den Menschen eine neue Bewusstseinsstufe hervorgebracht, die Voraussetzung aller Kultur ist und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Uns Menschen hat sich eine Innenwelt erschlossen, bei deren Erforschung wir erst am Anfang stehen. Gleichzeitig jedoch kommt es in der Begegnung zwischen Innen- und Außenwelt in jedem einzelnen Menschen und zwischen Menschen zu Konflikten, die seit alters als Tragödien beschrieben worden sind.

Wie Reflexion in seiner Grundbedeutung „zurückbiegen“ oder „-krümmen“ andeutet, kann das diskursive Denken als inneres „Umherlaufen“ dazu führen, dass diese Bewegung schließlich kreisförmig in steter Wiederholung stattfindet. Das kann sich so sehr „einschleifen“, dass wir aus dieser Spur nicht mehr herauskommen. Es entstehen durch die Kultur verstärkte Verhaltensmuster, die wir wie einen Tic nicht mehr los werden.

In diesen Mustern wird Energie gebunden, die uns für die natürliche Entwicklung zur Reife nicht mehr zur Verfügung steht. Wir haben Haltungen entwickelt, die sich durch Abhängigkeit in der Wiederholung eines Musters auszeichnen. Alkoholismus ist nur eine gut bekannte Form von Abhängigkeit. Andere Süchte (z. B. die Denksucht) werden nicht erkannt oder werden sogar als Bestandteil der Kultur verstanden. Gleichwohl sind sie in ihrer Wirkung verheerend. Der amerikanische Franziskaner Richard Rohr sagt, dass wir die Verantwortung für unsere inneren Prozesse übernehmen müssen, um uns von Abhängigkeiten befreien zu können. „Wenn wir unser Wie verändern, wird normaler Weise unser Was für sich selber sorgen. Und wir werden uns naturgemäß auf Mitleid, Geduld, Verständnis, Vergebung und innere Freiheit zu bewegen. Wir werden lernen, mit unserer „ersten Natur“ zu agieren, anstatt durch die angelernten, großenteils unbewußten Reaktionen der „zweiten Natur“.“ (meine Übersetzung)

Für Richard Rohr ist Meditation das Mittel der Wahl. Durch Meditation können wir die Muster unserer geistigen Verfassung überhaupt erst erkennen und dadurch uns auch von ihnen lösen. Für mich ist Meditation eine Form der Rückkehr in das Wurzelbewusstsein unserer Existenz. Nur wenn wir vom normalen Gewusel unseres Lebens mal Abstand nehmen, wird sich in unserer Entwicklung eine implizite Ordnung zeigen.

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