Baum


Birnbaum FrühlingIn der Mythologie und lyrischen Welt ist der Mensch immer wieder mit einem Baum verglichen worden. In der Struktur eines Baumes können wir eine Gliederung in Wurzel, Stamm und mit Ästen durchzogener Krone finden. In seiner Entwicklung unterscheiden wir die Stadien des jungen Sprößlings, des Baumes, der erste Früchte trägt und des alten knorrigen Baumes.

Der Baum ist ein Repräsentant für die Kraft des Umsetzens. Alle Aspekte seines Aufbaus sind darauf ausgerichtet, zur Krone hin zu liefern. Der ausgewachsene Baum gleicht damit dem Erwachsenenalter des Menschen, in dem „reife“ Leistungen erwartet werden.

Das Logo dieser Webseiten ist ein stilisierter Birnbaum. Inspiriert hat mich dazu ein Text des siebzigjährigen Theodor Fontane. In diesem Gedicht aus dem Jahre 1889 wird das Reifsein der Birnen mit der segenspendenden Einstellung eines alten Mannes in Beziehung gebracht, die über den Tod hinaus weiter wirkt.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Thurme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

 

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

 

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der n e u e freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der a l t e, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er that,
Als um eine Birn’ in’s Grab er bat,
Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

 

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“

 

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Gedichte von Theodor Fontane, 1905, S. 318-319. Mit Erläuterungen zu finden auch in Wikisource)